Teil 5: L’Hombre – das Reizprinzip aus Spanien

L’Hombre entstand im 17. Jahrhundert in Spanien und verbreitete sich von dort über die Adelshöfe Europas. Erste spanische Quellen verweisen möglicherweise bereits auf das späte 16. Jahrhundert. Seine große europäische Verbreitung begann jedoch erst im 17. Jahrhundert.

Ältere Nachschlagewerke wie das Meyers Konversations-Lexikon von 1888 datierten die Entstehung von L’Hombre teilweise bereits in das 14. Jahrhundert und brachten das Spiel mit spanischen Vorgängern wie Tresillo in Verbindung. Diese frühe Datierung gilt nach heutiger Forschung als nicht haltbar. Die Entstehung wird vielmehr in das späte 16. Jahrhundert eingeordnet; seine europaweite Verbreitung setzte im 17. Jahrhundert ein.

Die wichtigste spielmechanische Neuerung war das Reizprinzip. Nicht mehr allein der Zufall entschied über das Spiel. Stattdessen konnte ein Spieler aktiv erklären, dass er die Partie übernehmen wollte.

Damit entwickelte L’Hombre eines der frühesten systematischen Bietverfahren um das Spielrecht. Dieses Grundprinzip prägte später auch den Skat (siehe Teil 8).

Vom Hof nach Deutschland

Über den spanisch-französischen Kulturtransfer gelangte L’Hombre an den französischen Hof, von wo aus sich das Spiel weiter in Europa verbreitete.

Im 17. und 18. Jahrhundert gehörte L’Hombre zu den bevorzugten Spielen des Adels und des gehobenen Bürgertums. Für das Spiel fertigte man sogar spezielle dreieckige Spieltische an: die sogenannten Lombertische. Heute gelten diese Tische als begehrte Antiquitäten.

Der Name „Lombert“ ist die eingedeutschte Form von „L’Hombre“. Er zeigt, wie die deutsche Spielkultur das Spiel übernahm und sprachlich anpasste.

Ein Spiel, das sein Jahrhundert überlebte – aber nicht seine Zeit

In England verdrängte später vor allem Whist das L’Hombre. In Frankreich und Deutschland kamen zusätzlich andere Spiele wie Écarté, Piquet-Varianten und später Skat hinzu.

Meyers Konversationslexikon von 1888 bezeichnete L’Hombre noch als das „feinste, mannigfaltigste aller Kartenspiele“. Gleichzeitig stellte das Lexikon fest, dass der Skat dem Spiel inzwischen den Rang abgelaufen hatte.

Heute spielt man L’Hombre im deutschsprachigen Raum kaum noch als eigenständiges Kartenspiel. Sein wichtigstes Erbe lebt jedoch weiter: das Reizprinzip. Der Skat entwickelte dieses Prinzip vollständig weiter. Auch Doppelkopf und der Bayerische Schafkopf nutzen verwandte Formen dieses Spielmechanismus.

Zeitgenössische Quellen

L’Hombre, in: Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Bd. XIV. Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig, 1888.

Moderne Forschung und Literatur

Kastner, Hugo; Folkvord, Gerald Kador: Die große Humboldt-Enzyklopädie der Kartenspiele. Humboldt,  Baden-Baden, 2005, S. 120–123, ISBN 3-89994-058-X.

Teil 4: Die deutschen Kartenbilder – von Eichel und Schellen bis zum Vierfarben-Blatt

Die deutschen Kartenbilder sind ein bedeutender Bestandteil der deutschen Spielkultur. Das deutsche Blatt entwickelte sich im 15. Jahrhundert aus frühen europäischen Kartenformen und bildete seit dem späten 15. Jahrhundert zahlreiche regionale Varianten aus. Ihre gemeinsame Grundlage bildet das deutsche Blatt mit den vier Farben Eichel, Grün (Laub), Herz und Schellen. Es verbreitete sich vor allem im süddeutschen und alpinen Raum.

Das Deutsche Blatt: Eichel, Grün, Herz, Schellen

Das deutsche Blatt entwickelte sich im späten 15. Jahrhundert aus frühen europäischen Kartenformen. Besonders im süddeutschen und alpinen Raum setzte es sich durch.

 Seine vier Farben sind Eichel, Grün (auch Laub/Blatt), Herz und Schellen. Die Hofkarten heißen traditionell Unter, Ober und König (in älteren Systemen zusätzlich der Daus als Zahlenkarte mit Sonderrolle). Die heute verbreitete Gleichsetzung „Bube, Dame, König, Ass“ stammt aus dem französischen Blatt und ist nicht direkt auf das deutsche System übertragbar.

Wichtig ist dabei eine Korrektur zur häufigen Fehlannahme: Der „Daus“ geht sprachlich auf ein altes Wort für die Zahl Zwei zurück. Obwohl der Daus im deutschen Blatt die Asskarte darstellt, blieb sein historischer Name erhalten. Wie es zu dieser Übertragung des Namens von der Zwei auf das Ass kam, ist in der Forschung nicht abschließend geklärt. Eine mögliche Erklärung sieht darin eine Verbindung zur besonderen Stellung der Zwei in frühen Kartensystemen; ein eindeutiger Nachweis fehlt jedoch.

Die Hofkarten des deutschen Blatts (Unter, Ober und König) entwickelten sich unabhängig von den späteren Tarock-Hofkarten. Zwar bestehen funktionale Parallelen zu König, Ritter und Bube anderer europäischer Kartenfamilien. Eine direkte Ableitung lässt sich jedoch nicht belegen. Entscheidend ist: Das deutsche Blatt entwickelte eine eigene Hierarchie mit Ober und Unter, die in vielen Spielen funktional zu zentralen Figuren wurden.

Etablierung des Französischen Blattes

Neben dem deutschen Blatt etablierte sich in Deutschland das französische Blatt (Kreuz, Pik, Herz, Karo), das im 15. Jahrhundert über die Rheinregion ins Land gelangte. Es verbreitete sich zunächst über das Rheinland und Nordwestdeutschland.

Später setzte es sich in weiten Teilen Nord- und Westdeutschlands durch und bildet heute das Standardblatt für Skat und Doppelkopf im Turnierbetrieb. Damit steht es räumlich dem deutschen Blatt gegenüber, das vor allem im süddeutschen Raum verbreitet blieb.

Das Bayerische Bild: Regionale Ausprägung

Das Bayerische Bild ist eine regionale Ausprägung des deutschen Blatts, die sich bereits ab etwa 1650 herausbildete und sich über verschiedene Zwischentypen bis ins 18. und 19. Jahrhundert weiterentwickelte und bis heute für Schafkopf typisch ist. Charakteristisch sind die stark stilisierten Figuren, insbesondere bei Ober und Unter, die oft militärisch oder landsknechtartig dargestellt sind. Die heute bekannten charakteristischen Darstellungen wurden im 19. Jahrhundert durch industrielle Produktion und neue Druckverfahren geprägt.

Die Unterscheidung zwischen konkreten Zeichnern einzelner Kartenbilder ist historisch nur teilweise belegbar und oft Ergebnis späterer Katalogisierungen der Spielkartenindustrie. Sicher ist: Die Standardisierung der Kartenbilder erfolgte im 19. Jahrhundert durch industrielle Produktion, nicht durch einzelne „Urzeichner“.

Das Fränkische Bild: Regionale Variante

Das Fränkische Bild ist keine eigenständige Kartenfamilie, sondern eine regionale Variante des bayerisch-deutschen Blatts, die sich im 19. Jahrhundert aus dem Münchner Typ des Bayerischen Bilds entwickelte.

Es besteht meist aus 36 Karten und ist in Franken verbreitet. Zum Spielen von Schafkopf werden davon 32 Karten verwendet; die häufig verkauften 36-Karten-Päckchen enthalten zusätzlich die für Tarock benötigten Sechser.

Die Unterschiede zum Bayerischen Blatt betreffen vor allem einzelne Figurenzeichnungen und regionale Gestaltungselemente sowie die Verwendung in unterschiedlichen Spieltraditionen, nicht jedoch die grundlegende Systematik des deutschen Blatts.

Das Sächsische Bild und verwandte mitteleuropäische Traditionen

Das Altenburger Bild entwickelte sich aus der mitteldeutschen Tradition des Sächsischen Bildes. Diese entstand vor allem im 17. und 18. Jahrhundert im sächsischen Raum. Das Sächsische Bild folgt denselben vier Farben (Eichel, Grün/Laub, Herz, Schellen) und derselben Hofkartenstruktur des deutschen Blatts, weist aber eine eigene regionale Bildsprache auf.

Aus dieser Tradition entwickelte sich im 19. Jahrhundert in Altenburg ein bedeutendes Zentrum der industriellen Spielkartenherstellung, begünstigt durch die Gründung der Altenburger Spielkartenfabrik im Jahr 1832 durch die Brüder Otto und Bernhard Bechstein.

Das heute unter dem Namen Altenburger Blatt vertriebene Kartenbild entstand jedoch erst Anfang der 1960er Jahre, als der Grafiker Walter Krauß (1908–1985) für den VEB Altenburger Spielkartenfabrik die „Neue Altenburger Spielkarte“ entwarf. Die Fabrikgründung von 1832 markiert somit den Beginn der Altenburger Spielkartenproduktion, nicht die Entstehung des heute gebräuchlichen Kartenbilds.

Im gleichen mitteldeutsch-nordöstlichen Raum war außerdem das Preußisch-Schlesische Bild verbreitet, zu dessen wichtigsten Ausprägungen das Hallesche Bild zählt. Es verbreitete sich im preußisch-schlesischen Einflussbereich und unterschied sich in der Gestaltung der Hof- und Zahlenkarten von der sächsischen Tradition. Halle (Saale) war dabei ein bedeutendes Zentrum der regionalen Spielkartenproduktion.

Über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus ist das Prager Bild zu nennen: eine böhmisch-mitteleuropäische Variante des deutschen Kartenblatts, die sich in Böhmen und den angrenzenden Regionen verbreitete.

Es teilt die Grundstruktur des deutschen Blatts – vier Farben, Unter, Ober und König –, weist aber eine eigenständige bildliche Ausgestaltung auf, die böhmischen Druck- und Kunsttraditionen folgte. Das Prager Bild erinnert daran, dass die deutsche Kartentradition nicht an Staatsgrenzen haltmachte, sondern Teil eines breiteren mitteleuropäischen Kulturraums war.

Das Vierfarben-Blatt: Turnierstandard bei Skat

Das sogenannte Vierfarben-Blatt entstand im Zusammenhang mit der Vereinheitlichung des deutschen Skat-Turnierwesens nach der deutschen Wiedervereinigung. Während in den alten Bundesländern überwiegend mit dem französischen Blatt gespielt wurde, war in vielen Regionen der ehemaligen DDR das deutsche Altenburger Blatt verbreitet. Eine endgültige Einigung auf ein gemeinsames Turnierkartenbild fiel jedoch nicht unmittelbar auf dem Skatkongress 1990, sondern entwickelte sich erst in den folgenden Jahren.

Da viele Spieler aus den neuen Bundesländern das deutsche Blatt gewohnt waren, entwarf eine Initiativgruppe aus Sachsen 1990 das Vierfarben-Blatt („Chemnitzer Modell“). Es behielt die vertrauten französischen Symbole (Kreuz, Pik, Herz und Karo) bei, ordnete ihnen jedoch vier unterschiedliche Farben zu, wodurch sie im Spiel leichter zu unterscheiden waren.

1994 wurde das Vierfarben-Blatt vom Deutschen Skatverband als offizielle Turnierkarte zugelassen und ist seitdem die offizielle Turnierkarte des Deutschen Skatverbandes. Das Vierfarben-Blatt gilt nur für offizielle Turniere des DSkV, regionale und private Präferenzen (deutsches oder französisches Blatt) bleiben davon unberührt.

Moderne Forschung und Literatur

● Dummett, Michael: The Game of Tarot. From Ferrara to Salt Lake City. Duckworth, London, 1980.
● Hargrave, Catherine Perry: A History of Playing Cards and a Bibliography of Cards and Gaming. Boston/New York, 1930.
● Himmelheber, Georg: Spielkarten. Kataloge des Bayerischen Nationalmuseums, Band 21. Bayerisches Nationalmuseum, München/Berlin, 1991.
● Kastner, Hugo; Folkvord, Gerald Kador: Die große Humboldt-Enzyklopädie der Kartenspiele. Humboldt, Baden-Baden, 2005.

Ergänzende Online- und Museumsquellen

● Bayerisches Nationalmuseum: Sammlung historische Spielkarten.
● ASS Altenburger Spielkarten: „Deutschlands Kartenkultur – eine Reise quer durchs Land“.
● Museum Burg Posterstein: „Altenburger Spielkarten: 500 Jahre alte Tradition“

Von einer Idee zu mehreren Serien

Bei der Recherche und dem Schreiben der ersten Teile meiner Serie „Die Geschichte von Doppelkopf, Schafkopf und Skat“ entstand die Idee, auch die Geschichte weiterer Kartenspiele zu erzählen, die ich selbst gerne spiele.

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Zunächst möchte ich die erste Serie mit allen geplanten Teilen abschließen. Danach folgen nach und nach weitere historische Reihen zu anderen Kartenspielen.

Teil 3: Tarock – der Ursprung des Talons und des Begriffs „Trumpf“

Tarock entstand im 15. Jahrhundert in Norditalien im Umfeld der frühen trionfi-Kartenspiele. Charakteristisch ist ein erweiterter Satz von Trumpfkarten, die die normalen Farben überragen und das Spiel strategisch dominieren. Der Begriff „Trumpf“ leitet sich über ältere Formen wie trumpf, trumpen und trionf vom italienischen trionfi („Triumphe“) ab. Ursprünglich bezeichnete das Wort die besonderen Karten, die andere Karten stechen konnten.

Nach den grundlegenden Forschungen von Michael Dummett lässt sich die Entstehung des später als Trionfi bezeichneten Spiels wahrscheinlich in die 1430er Jahre nach Norditalien einordnen. Wenige Jahre zuvor sind in Ferrara bereits Sonderanfertigungen sogenannter „Imperatori“-Karten für das Jahr 1423 dokumentiert, die möglicherweise zu den unmittelbaren Vorläufern gehörten.

Über mehrere sprachliche Zwischenstufen – insbesondere über französische und deutsche Spielterminologie – entwickelte sich daraus der heute gebräuchliche Begriff „Trumpf“. Es handelt sich daher nicht um eine direkte Übernahme aus dem Italienischen, sondern um eine sprachgeschichtliche Entwicklung.

Deutsche Anpassungen und ein bayerischer Sonderfall

Tarock verbreitete sich in zahlreichen Varianten in Europa, darunter darunter auch deutschsprachige Anpassungen mit unterschiedlichen Kartenbildern.Diese sogenannten Deutschen Tarockformen hielten sich regional bis ins 19. und teilweise frühe 20. Jahrhundert, sind heute jedoch – anders als etwa das österreichische oder französische Tarock – praktisch aus dem lebendigen Spielbetrieb verschwunden.

Das Bayerische Tarock (auch Haferltarock) ist kein klassisches Tarockspiel der Trionfi-Tradition, sondern ein eigenständiges bayerisches Stichspiel mit eigener Struktur. Der Name verweist historisch auf Tarock, nicht auf eine direkte spielgeschichtliche Zugehörigkeit.

Kein Orakel, sondern ein Kartenspiel

Ein weit verbreitetes Missverständnis verdient hier einen eigenen Satz: Tarock-Karten wurden jahrhundertelang ausschließlich als Spielkarten benutzt. Ihre Umdeutung zum okkulten Wahrsagewerkzeug ist erst auf das Jahr 1781 zu datieren, als der Franzose Antoine Court de Gébelin eine mystische Herkunft aus Ägypten entwickelte – ohne jede historische Grundlage. Die Gleichsetzung von „Tarock“ mit dem „Tarot-Orakel“ ist daher eine spätere Entwicklung und gehört nicht zur ursprünglichen Spielgeschichte.

Sprachlich hat sich im Deutschen zudem eine Begriffstrennung etabliert: „Tarock“ bezeichnet die Kartenspielfamilie, „Tarot“ die esoterische Wahrsagepraxis – eine Unterscheidung, die im Englischen oder Französischen in dieser Form nicht existiert.

Für die Entstehung des Skats (Teil 8) blieben aus dem Tarock vor allem zwei Elemente erhalten: der Talon – die zu Spielbeginn verdeckt beiseitegelegten Karten – und der Begriff „Trumpf“.

Zeitgenössische Quellen

● Court de Gébelin, Antoine: Le Monde primitif, Bd. 8. Paris, 1781.

Moderne Forschung und Literatur

● Dummett, Michael: The Game of Tarot. From Ferrara to Salt Lake City. Duckworth, London, 1980.
● Dummett, Michael; McLeod, John: A History of Games Played with the Tarot Pack. The Game of Triumphs. 2 Bände, Mellen Press, Lewiston (NY), 2004, ISBN 0-7734-6447-6.
● Mayr, Wolfgang; Sedlaczek, Robert: Die Kulturgeschichte des Tarockspiels. Geschichten über Tarock und seine berühmten Spieler. Edition Atelier, Wien, 2015, ISBN 978-3-903005-11-2.

Teil 2: Karnöffel – das älteste belegte deutsche Kartenspiel



Karnöffel gilt als eines der ältesten namentlich belegten und historisch rekonstruierbaren Kartenspiele des deutschsprachigen Raums. Es gilt als einer der wichtigsten historischen Vorläufer späterer deutscher Kartenspiele und zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Rangordnung der Karten aus. Spielkarten gelangten nach heutigem Forschungsstand erst ca. 1370–1377 an, eingeführt aus dem arabisch-mamlukischen Kulturraum über Italien und Spanien. Karnöffel entstand also gut zwei Generationen nach der Ankunft der Spielkarten in Europa – und gilt damit als das älteste noch rekonstruierbare Spiel dieser neuen Spielform.

Geschichte und Verbreitung von Karnöffel

Die häufig zitierte Nördlinger Spielordnung von 1426 wurde lange als ältester Beleg für Karnöffel angesehen. Ihre Authentizität beziehungsweise die korrekte Interpretation der Überlieferung ist jedoch inzwischen umstritten. Die wohlhabende Reichsstadt Nördlingen führte Karnöffel als erlaubtes Spiel auf. Das deutet auf eine gewisse Verbreitung und öffentliche Anerkennung hin. Nur wenige Jahrzehnte später verbot Augsburg das Spiel ausdrücklich. Andere Spiele blieben dort weiterhin erlaubt.

Dies zeigt, wie unterschiedlich die Obrigkeit mit Kartenspielen umging: mal Erlaubnis, mal Verbot — je nach Ort und Zeit. Ein wichtiger Vorbehalt betrifft jedoch die Datierung. In vielen älteren und populären Darstellungen wird 1426 weiterhin als ältester Beleg genannt.

Der Kartenspielforscher Ross G. R. Caldwell berichtete 2021 im Tarot History Forum über Recherchen des Spielkartenhistorikers Jonas Richter, wonach die häufig zitierte Nördlinger Quelle von 1426 möglicherweise auf einer Vermengung sekundärer Überlieferungen beruht und daher als historisch unsicher gelten müsse. Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, wäre das Augsburger Verbot von 1446 der älteste gesicherte Beleg. Eine abschließende Klärung dieser Frage steht in der Forschung bislang jedoch noch aus.

Entstehung von Karnöffel

Die genaue Entstehung des Spiels ist unbekannt, es gilt jedoch als das älteste historisch rekonstruierbare Kartenspiel des deutschsprachigen Raums mit durchgehender Spieltradition. Im 16. Jahrhundert wurde Karnöffel besonders mit der Spielkultur der Landsknechte verbunden. Durch militärische Lager, Wirtshäuser und regionale Spielgemeinschaften verbreitete sich das Spiel weiter.

Die Herkunft des Namens „Karnöffel“ ist bis heute nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden ein Zusammenhang mit dem Begriff für einen Leistenbruch (mittelhochdeutsch „karnüffel“) als derbe Volksvokabel sowie eine Ableitung vom Eigennamen „Carneval“ – beides unterstreicht den volkstümlichen, un-höfischen Charakter des Spiels. Hinzu kommt die kirchliche Kritik: Geistliche und Obrigkeiten standen Kartenspielen grundsätzlich misstrauisch gegenüber, da sie mit Müßiggang, Glücksspiel und Gotteslästerung assoziiert wurden. Das erklärt das Verbotsmuster, das sich in vielen Städten zeigt.

Eine zeitgenössische Bestätigung dieser kirchlichen Kritik liefert der Straßburger Prediger Johann Geiler von Kaysersberg, der Karnöffel 1496 in einer Predigt scharf verurteilte. Besonders beanstandete er, dass das Spiel die gewohnte Rangordnung der Karten umkehrte und damit die bestehende Ordnung symbolisch auf den Kopf stellte.

Spielweise und Besonderheiten von Karnöffel

Karnöffel zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Rangordnung der Karten aus. Bestimmte Karten der „gewählten Farbe“ besaßen Sonderrechte und trugen symbolträchtige Namen wie Karnöffel, Papst, Kaiser, Teufel und König. Dabei konnten scheinbar niedrigere Karten höhergestellte Figuren schlagen. Der Karnöffel etwa besiegte selbst Kaiser oder Papst.

Für moderne Historiker wirkt das wie eine spielerische Umkehr gesellschaftlicher Ordnung. Ob dies tatsächlich als bewusste Sozialkritik verstanden wurde, lässt sich heute jedoch nicht sicher belegen. Wahrscheinlich standen Spielwitz, Überraschung und taktische Freiheit stärker im Vordergrund als politische Aussage.

Eine wichtige Regel besagte: Karnöffel konnte andere Karten nur schlagen, wenn ein Spieler ihn ausgespielt hatte. Das bedeutet, dass Karnöffel nur dann seine besondere Macht entfaltete, wenn er als erste Karte in einem Stich ausgespielt wurde. Diese Regel machte das Spiel einzigartig und unterschied es von anderen Kartenspielen der Zeit.

Karnöffel als Vorläufer späterer Kartenspiele

Karnöffel gilt als Vorläufer späterer deutscher Kartenspiele, insbesondere von Schafkopf, Skat und Doppelkopf. Obwohl die genaue Entwicklungslinie nicht eindeutig nachweisbar ist, zeigen sich in Karnöffel bereits Prinzipien, die später in diesen Spielen wiederzufinden sind. Dazu gehören die besonderen Rechte bestimmter Karten, die unabhängig von ihrer natürlichen Rangfolge waren, und die Möglichkeit, dass niedrigere Karten höhere schlagen konnten.

Ähnliche Prinzipien finden sich später auch in den Obern und Untern des Deutschen Schafkopfs, in den Damen und Buben des Skats und in den Damen und Buben von Doppelkopf wieder. Ob diese Gemeinsamkeiten auf direkte Überlieferung zurückgehen oder unabhängig entstanden sind, bleibt offen. Wahrscheinlich verlief die Entwicklung über zahlreiche regionale Zwischenformen, von denen viele nicht dokumentiert wurden..

Vom Karnöffel zum Kaiserspiel


Karnöffel hat bis in die Gegenwart überlebt. Besonders in der Zentralschweiz hat sich mit dem Kaiserspiel eine eng verwandte Tradition erhalten, die häufig als Nachfahre des Karnöffels angesehen wird. Trotz seiner eigenständigen Weiterentwicklung sind die historischen Wurzeln deutlich erkennbar. Damit zählt das Kaiserspiel zu den wenigen heute noch gespielten Kartenspielen, deren Ursprünge bis in das frühe 15. Jahrhundert zurückreichen.

Zeitgenössische Quellen

● Augsburg Spielordnung (1446), ältester gesicherter urkundlicher Beleg für Karnöffel.
● Geiler von Kaysersberg, Johann: Predigt vom Donnerstag nach Judica (1496), abgedruckt
in: Vom menschlichen Baum. Straßburg, 1521. Zeitgenössische Kritik an Karnöffel.

Moderne Forschung und Literatur

● Caldwell, Ross G. R.: Beitrag vom 23. März 2021 im Tarot History Forum („Karnöffel“), unter Bezug auf Recherchen von Jonas Richter zur Überlieferung der angeblichen Nördlinger Spielordnung von 1426.
● Dummett, Michael: The Game of Tarot. From Ferrara to Salt Lake City. Duckworth, London, 1980.
● Parlett, David: The Oxford Guide to Card Games. Oxford University Press, Oxford/New York, 1990.
● Parlett, David: „Karnöffel“, in: Historic Card Games.
● von Leyden, Rudolf: Karnöffel: Das Kartenspiel der Landsknechte. Wien, 1978.

Drei Jahre – und eine neue Serie

Vor genau drei Jahren, am 15. Juli 2023, ging die Homepage online. Drei Jahre später ist sie zu dem geworden, was sie von Anfang an sein sollte: ein Ort für Menschen, die Kartenspiele nicht nur spielen, sondern auch verstehen möchten – ihre Geschichte, ihre Entwicklung und vieles mehr. Zusammen mit den seit 2010 organisierten Kartenspiel-Treffen in Hannover verbindet die Homepage fundiertes Wissen mit gelebter Spielpraxis.

Passend zum dritten Geburtstag startet heute die bislang umfangreichste Serie der Homepage: Die Geschichte von Doppelkopf, Schafkopf und Skat – zehn Teile über eine Spielfamilie, deren Wurzeln bis ins Jahr 1426 nach Nördlingen zurückreichen und deren Entwicklung schließlich bis nach Wisconsin führt. Der erste Teil mit einem Überblick über die gesamte Serie ist ab sofort verfügbar.

Teil 1: Ein Stück Spielgeschichte

Wer Doppelkopf, Skat oder Bayerischen Schafkopf bzw. kurz Schafkopf spielt, der spielt – ohne es zu wissen – immer auch ein Stück Spiel-geschichte.

Alle drei gehören derselben Spielfamilie an. Ihre unmittelbaren Wurzeln liegen im Deutschen und Wendischen Schafkopf. Die eigentliche Geschichte reicht jedoch noch deutlich weiter zurück – zu den ersten deutschen Kartenspielen, der Entstehung des Trumpfprinzips und den frühen Vorläufern des Reizens.

Die Geschichte dieser Spielfamilie beginnt nicht erst mit Schafkopf oder Skat. Sie führt zurück bis ins 15. Jahrhundert – zu Karnöffel, dem ältesten belegten deutschen Kartenspiel, zur Entstehung des Trumpfprinzips im Tarock, zum Deutschen Kartenblatt und zu den spanischen Einflüssen von L’Hombre und Deutschem Solo. Von dort entwickelt sich Schritt für Schritt jene Spielfamilie, aus der später Skat, Doppelkopf und Bayerischer Schafkopf hervorgingen.

Diese sechzehnteilige Serie – deren Beiträge in den nächsten Monaten folgen – erzählt diese Geschichte. Von den ersten belegten Kartenspielen über die Entstehung von Trumpf, Kartenblatt und Reizprinzip bis zu Skat, Doppelkopf, Bayerischem Schafkopf und ihrer Auswanderung nach Nordamerika.

Mehrere Beiträge widmen sich bewusst den historischen Grundlagen. Sie erklären Spielprinzipien wie Trumpf, Reizen oder das Deutsche Kartenblatt, ohne die die späteren Spiele kaum verständlich wären.


Jede Folge steht für sich und kann unabhängig von den anderen gelesen werden. Wer die gesamte Entwicklungslinie nachvollziehen möchte, findet sie hier:

Die sechzehn Teile im Überblick

  Teil  Thema
  1  Einleitung: Ein Stück Spielgeschichte
  2  Karnöffel – das älteste belegte deutsche Kartenspiel
  3  Tarock – der Ursprung des Talons und des Begriffs „Trumpf“
 4  Das Deutsche Kartenblatt – Eichel, Grün, Herz, Schellen
  5  L’Hombre – das Reizprinzip aus Spanien
  6  Das Deutsche Solo – eine vereinfachte Variante von L’Hombre
  7  Deutscher Schafkopf und Wendischer Schafkopf – die vergessenen
Stammväter
  8  Skat – Entstehung in Altenburg
  9  Skat – Verbreitung, Kongresse und Standardisierung
  10  Skat – im 20. Jahrhundert und heute
  11  Doppelkopf – von den Anfängen zum modernen Spiel
  12  Doppelkopf – DDV und Doppelkopf heute
  13  Bayerischer Schafkopf – Entstehung und Rufspiel
  14  Bayerischer Schafkopf – Schafkopfschule und heute
  15  Sheepshead – Schafkopf in Wisconsin
  16  Gegenwart und Zukunft der Spielfamilie
  9  Skat – Verbreitung, Kongresse und Standardisierung

Die Entwicklungslinie im Überblick

  Zeitraum  Spiel / Ereignis  Region  Bedeutung
  ca. 1425  Ursprung von Tarock  Norditalien  Erfindet den Begriff
Trumpf; weggelegte Karten
  ab 1426  Karnöffel  Süddeutschland  Ältestes belegtes deutsches
Kartenspiel; erste feste
Sonderkarten
  ca. 1460  Deutsches Blatt entsteht  Mitteleuropa  Eichel, Grün, Herz,
Schellen; Ober, Unter,
König, Daus
  16.–17. Jahrhundert  L’Hombre / Deutsches Solo  Spanien / Deutschland  Erstes Reiz-Prinzip:
Trumpffarbe durch Bieten
  1782  Deutscher Schafkopf  Sachsen / Thüringen  Älteste bekannte
schriftliche Erwähnung
(sächsischer Straf- und
Bußgeldkatalog)
  frühes 19.
Jahrhundert
  Wendischer Schafkopf  Erzgebirge / Lausitz  Bindeglied; Basis für Skat,
Doppelkopf und Bayer.
Schafkopf
  1810–1817  Skat entsteht  Altenburg / Thüringen  Einflüsse: Dreiwendsch,
L’Hombre und Tarock;
Spiel für drei
  1811  Doppelkopf erstmals
beschrieben
  Sachsen  Drei Versionen bei Paul
Hammer belegt; Entstehung
spätestens spätes 18.
Jahrhundert
  19. Jahrhundert
(genaue
Entstehungszeit
unsicher; frühe
Belege aus Franken)
  Bayerischer Schafkopf  Franken / Bayern  Rufspiel als Neuerung;
wandert von Norden nach
Süden (genaue Datierung
unsicher; belegt für das 19.
Jahrhundert in Franken)
  ab 1840er  Sheepshead entsteht  Wisconsin / USA  Deutsche Einwanderer
bringen Schafkopf mit
  1886  1. Skatkongress  Altenburg  Allgemeine Deutsche
Skatordnung; ca. 1.000
Teilnehmer
  1899  Deutscher Skatverband
(DSkV) gegründet
  Halle / Altenburg  Bundesweite
Vereinheitlichung
  1982  Deutscher Doppelkopf-
Verband (DDV) gegründet
  Braunschweig  Dachorganisation für
Doppelkopfvereine; 16
Gründungsvereine
  1983  Sheepshead – offizielles
Spiel Milwaukees
  Milwaukee / Wisconsin  Kulturelle Anerkennung
  1989  1. Bayer. Schafkopf-   Kongress  München (Hofbräuhaus)  Offizielle Turnierregeln
  1990 / 1994  Chemnitzer Modell  Sachsen / Altenburg  Vierfarbenblatt als Turnier-
Kompromiss Ost/West
  2004  Schafkopfschule e. V.
gegründet
  München  Heute inoffizielle
Berufungsinstanz für
Schafkopf-Regeln
  2016  Skat: UNESCO-Kulturerbe  Deutschland  Immaterielles Kulturerbe
der Bundesrepublik

Die gemeinsamen Gene der Spielfamilie

Wenn man Wendischen Schafkopf, Doppelkopf, Skat und Bayerischen Schafkopf neben-einanderlegt, sieht man sofort die Verwandtschaft ebenso wie die Unterschiede, die jedes Spiel zu einem eigenständigen Charakter gemacht haben:

MerkmalWendischer SchafkopfSkatDoppelkopfBayerischer Schafkopf
Damen / Ober
als Trumpf
(Standardspiel)
JaNeinJaJa
Buben / Unter
als Trumpf
(Standardspiel)
JaJaJaJa
Karo / Schellen
als
Trumpffarbe
(Standardspiel)
TeilweiseFrühe Form: JaJaNein
Partnerschaft
über
höchste(n)
Trumpf/
Trümpfe
(Standardspiel)
JaNeinJa (still)Rufspiel (aktiv)
Spielerzahl4 (auch 3)344 (traditionell)
Reizen vor
Spielbeginn
NeinJaJaJa
Doppelter
Kartensatz
NeinNeinJaNein
Heute aktiv
gespielt
KaumJaJaJa

Neue Serie: Geschichte der Kartenspiele

Kartenspiele faszinieren Menschen seit Jahrhunderten. Manche Spiele entstanden in Wirtshäusern, andere an Fürstenhöfen oder in Universitätsstädten. Viele haben sich über Generationen hinweg verändert und regionale Besonderheiten entwickelt. Doch wie sind unsere heutigen Lieblingsspiele eigentlich entstanden?

Mit der neuen Kategorie „Geschichte der Kartenspiele“ möchte ich dieser Frage auf den Grund gehen. In einer mehrteiligen Artikelserie beleuchte ich nicht nur die historischen Hintergründe, sondern auch die Entwicklung der einzelnen Spiele, ihre Vorläufer und die Ereignisse, die sie bis heute geprägt haben.

Den Auftakt bilden drei der bedeutendsten deutschen Kartenspiele: Doppelkopf, Schafkopf und Skat. In den kommenden Monaten erscheinen regelmäßig neue Beiträge, die sich mit der Entstehungsgeschichte, den historischen Zusammenhängen und der Entwicklung dieser Klassiker beschäftigt. Dabei wird schnell deutlich, dass die Spiele enger miteinander verwandt sind, als viele vermuten.

Es folgt eine kurze Serie über die Crazy-Eights-Familie, zu denen das wohl fast jedem bekannte Mau-Mau gehört.

Ebenso existieren Planungen für weitere Serien, z. B. den württembergischen Traditionsspielen Binokel und Gaigel. Auch sie blicken auf eine lange Geschichte zurück und haben ihre ganz eigenen Besonderheiten entwickelt.

Des Weiteren geplant ist eine Serie zu Cassino und Scopa, zwei Raubspiele mit voneinander unabhängiger Entstehung.

Alle Beiträge entstehen auf Grundlage sorgfältiger Recherchen. Wo historische Quellen unterschiedliche Auffassungen vertreten, werden diese transparent dargestellt und eingeordnet. Ziel ist es, nicht nur unterhaltsame Geschichten zu erzählen, sondern einen möglichst fundierten Überblick über die Entwicklung der bekanntesten Kartenspiele zu geben.

Die Spielregeln & Varianten sowie die verschiedenen Kartenblätter & -bilder sind bereits in den jeweiligen Kategorien zu den einzelnen Kartenspielen zu finden. In dieser Kategorie geht es um den Ursprung und die Entwicklung der Spiele.

Ich wünsche viel Freude beim Lesen und vielleicht entdeckst Du dabei die Geschichte Deines Lieblingskartenspiels aus einer ganz neuen Perspektive.