Karnöffel gilt als eines der ältesten namentlich belegten und historisch rekonstruierbaren Kartenspiele des deutschsprachigen Raums. Es gilt als einer der wichtigsten historischen Vorläufer späterer deutscher Kartenspiele und zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Rangordnung der Karten aus. Spielkarten gelangten nach heutigem Forschungsstand erst ca. 1370–1377 an, eingeführt aus dem arabisch-mamlukischen Kulturraum über Italien und Spanien. Karnöffel entstand also gut zwei Generationen nach der Ankunft der Spielkarten in Europa – und gilt damit als das älteste noch rekonstruierbare Spiel dieser neuen Spielform.
Geschichte und Verbreitung von Karnöffel
Die häufig zitierte Nördlinger Spielordnung von 1426 wurde lange als ältester Beleg für Karnöffel angesehen. Ihre Authentizität beziehungsweise die korrekte Interpretation der Überlieferung ist jedoch inzwischen umstritten. Die wohlhabende Reichsstadt Nördlingen führte Karnöffel als erlaubtes Spiel auf. Das deutet auf eine gewisse Verbreitung und öffentliche Anerkennung hin. Nur wenige Jahrzehnte später verbot Augsburg das Spiel ausdrücklich. Andere Spiele blieben dort weiterhin erlaubt.
Dies zeigt, wie unterschiedlich die Obrigkeit mit Kartenspielen umging: mal Erlaubnis, mal Verbot — je nach Ort und Zeit. Ein wichtiger Vorbehalt betrifft jedoch die Datierung. In vielen älteren und populären Darstellungen wird 1426 weiterhin als ältester Beleg genannt.
Der Kartenspielforscher Ross G. R. Caldwell berichtete 2021 im Tarot History Forum über Recherchen des Spielkartenhistorikers Jonas Richter, wonach die häufig zitierte Nördlinger Quelle von 1426 möglicherweise auf einer Vermengung sekundärer Überlieferungen beruht und daher als historisch unsicher gelten müsse. Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, wäre das Augsburger Verbot von 1446 der älteste gesicherte Beleg. Eine abschließende Klärung dieser Frage steht in der Forschung bislang jedoch noch aus.
Entstehung von Karnöffel
Die genaue Entstehung des Spiels ist unbekannt, es gilt jedoch als das älteste historisch rekonstruierbare Kartenspiel des deutschsprachigen Raums mit durchgehender Spieltradition. Im 16. Jahrhundert wurde Karnöffel besonders mit der Spielkultur der Landsknechte verbunden. Durch militärische Lager, Wirtshäuser und regionale Spielgemeinschaften verbreitete sich das Spiel weiter.
Die Herkunft des Namens „Karnöffel“ ist bis heute nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden ein Zusammenhang mit dem Begriff für einen Leistenbruch (mittelhochdeutsch „karnüffel“) als derbe Volksvokabel sowie eine Ableitung vom Eigennamen „Carneval“ – beides unterstreicht den volkstümlichen, un-höfischen Charakter des Spiels. Hinzu kommt die kirchliche Kritik: Geistliche und Obrigkeiten standen Kartenspielen grundsätzlich misstrauisch gegenüber, da sie mit Müßiggang, Glücksspiel und Gotteslästerung assoziiert wurden. Das erklärt das Verbotsmuster, das sich in vielen Städten zeigt.
Eine zeitgenössische Bestätigung dieser kirchlichen Kritik liefert der Straßburger Prediger Johann Geiler von Kaysersberg, der Karnöffel 1496 in einer Predigt scharf verurteilte. Besonders beanstandete er, dass das Spiel die gewohnte Rangordnung der Karten umkehrte und damit die bestehende Ordnung symbolisch auf den Kopf stellte.
Spielweise und Besonderheiten von Karnöffel
Karnöffel zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Rangordnung der Karten aus. Bestimmte Karten der „gewählten Farbe“ besaßen Sonderrechte und trugen symbolträchtige Namen wie Karnöffel, Papst, Kaiser, Teufel und König. Dabei konnten scheinbar niedrigere Karten höhergestellte Figuren schlagen. Der Karnöffel etwa besiegte selbst Kaiser oder Papst.
Für moderne Historiker wirkt das wie eine spielerische Umkehr gesellschaftlicher Ordnung. Ob dies tatsächlich als bewusste Sozialkritik verstanden wurde, lässt sich heute jedoch nicht sicher belegen. Wahrscheinlich standen Spielwitz, Überraschung und taktische Freiheit stärker im Vordergrund als politische Aussage.
Eine wichtige Regel besagte: Karnöffel konnte andere Karten nur schlagen, wenn ein Spieler ihn ausgespielt hatte. Das bedeutet, dass Karnöffel nur dann seine besondere Macht entfaltete, wenn er als erste Karte in einem Stich ausgespielt wurde. Diese Regel machte das Spiel einzigartig und unterschied es von anderen Kartenspielen der Zeit.
Karnöffel als Vorläufer späterer Kartenspiele
Karnöffel gilt als Vorläufer späterer deutscher Kartenspiele, insbesondere von Schafkopf, Skat und Doppelkopf. Obwohl die genaue Entwicklungslinie nicht eindeutig nachweisbar ist, zeigen sich in Karnöffel bereits Prinzipien, die später in diesen Spielen wiederzufinden sind. Dazu gehören die besonderen Rechte bestimmter Karten, die unabhängig von ihrer natürlichen Rangfolge waren, und die Möglichkeit, dass niedrigere Karten höhere schlagen konnten.
Ähnliche Prinzipien finden sich später auch in den Obern und Untern des Deutschen Schafkopfs, in den Damen und Buben des Skats und in den Damen und Buben von Doppelkopf wieder. Ob diese Gemeinsamkeiten auf direkte Überlieferung zurückgehen oder unabhängig entstanden sind, bleibt offen. Wahrscheinlich verlief die Entwicklung über zahlreiche regionale Zwischenformen, von denen viele nicht dokumentiert wurden..
Vom Karnöffel zum Kaiserspiel
Karnöffel hat bis in die Gegenwart überlebt. Besonders in der Zentralschweiz hat sich mit dem Kaiserspiel eine eng verwandte Tradition erhalten, die häufig als Nachfahre des Karnöffels angesehen wird. Trotz seiner eigenständigen Weiterentwicklung sind die historischen Wurzeln deutlich erkennbar. Damit zählt das Kaiserspiel zu den wenigen heute noch gespielten Kartenspielen, deren Ursprünge bis in das frühe 15. Jahrhundert zurückreichen.
Zeitgenössische Quellen
● Augsburg Spielordnung (1446), ältester gesicherter urkundlicher Beleg für Karnöffel.
● Geiler von Kaysersberg, Johann: Predigt vom Donnerstag nach Judica (1496), abgedruckt
in: Vom menschlichen Baum. Straßburg, 1521. Zeitgenössische Kritik an Karnöffel.
Moderne Forschung und Literatur
● Caldwell, Ross G. R.: Beitrag vom 23. März 2021 im Tarot History Forum („Karnöffel“), unter Bezug auf Recherchen von Jonas Richter zur Überlieferung der angeblichen Nördlinger Spielordnung von 1426.
● Dummett, Michael: The Game of Tarot. From Ferrara to Salt Lake City. Duckworth, London, 1980.
● Parlett, David: The Oxford Guide to Card Games. Oxford University Press, Oxford/New York, 1990.
● Parlett, David: „Karnöffel“, in: Historic Card Games.
● von Leyden, Rudolf: Karnöffel: Das Kartenspiel der Landsknechte. Wien, 1978.